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Zweiter Teil der Nachkriegs-Familiensaga von Paula Linn
Goodbye DDR!
Jahr 1955: Der Krieg ist seit Jahren vorbei, doch Suse und ihre Tochter Beate finden im heimischen Glauchau immer noch keine Ruhe. Die Sowjets machen sich breit, und sie nehmen von Tag zu Tag mehr Einfluss auf das Leben der Menschen im Ostblock. Es reicht schon, Westfernsehen zu sehen, um sich wie ein Verbrecher zu fühlen. Lebensmittel werden knapp, und Schüler malen im Unterricht Stalinbilder. Für Suse ist klar: Sie will nicht länger zusehen, wie die Diktatur ihre gerade erst zurückgewonnene Lebensqualität zerstört. Bloß weg, so weit wie irgend möglich.
Suse und Beate nehmen von der Familie Abschied und begeben sich mit drei Koffern und 500 D-Mark in der Tasche auf die lange Fahrt nach Lörrach, einem Ort im südwestlichsten Winkel Baden-Württembergs. Der Weg über die deutsch-deutsche Grenze ist nur die erste Hürde einer strapaziösen Reise nach Westdeutschland. Und erst mal in Lörrach angekommen, stehen Mutter und Tochter vor einem Nichts. Kein Dach über dem Kopf, wenig Geld und keine Arbeit. Schlimmer noch, im Notaufnahmelager verweigert man Suse und Beate die Aufenthaltsgenehmigung, da sie nach der Definition der Bundesrepublik keine politischen Flüchtlinge sind.
Eine Rückkehr nach Glachau kommt für Suse jedoch nicht in Frage, und auch Beate sieht ein, dass sie ihren Traum nur verwirklichen können, wenn sie selbst mit anpackt und Geld verdient. Das Schicksal der beiden berührt die Lörracher. Sie bedauern wie alle Westdeutschen ihre Nachbarn „da drüben“ und greifen den Auswanderern bereitwillig unter die Arme. Familie Hübele fasst sich ein Herz und nimmt Beate und Suse bei sich auf. Endlich haben Mutter und Tochter genügend Luft, um ihre Zukunft richtig in die Hand zu nehmen. Ihre Mühen werden belohnt: Sie haben Glück. Denn Arbeitskräfte werden händeringend gesucht, seit der Aufschwung die ganze Republik erfasst hat. Es gibt nichts, was man nicht kaufen kann. Luxus ist nun auch für den normalen Mann erschwinglich. Ein Versandhaus gibt den beiden die ersehnte Verdienstmöglichkeit, die ihnen endlich auch die eigenen vier Wände ermöglicht. Damit ist die Pflicht für den Staat getan. Aus DDR-Flüchtlingen werden Bundesbürgerinnen. Ist der Weg also zu Ende?
Nein. Suse will, dass ihre Tochter nach Jahren des Krieges und der Verfolgung endlich aus dem Vollen schöpfen kann. Reagenzglas und Petticoat, beide Gegenstände sind für die Zukunft Beates von entscheidender Bedeutung. Anfangs kämpfte Suse noch um ihr beider Überleben, jetzt macht sie sich daran, sich und ihrer Tochter ein Leben in Wohlstand zu erkämpfen. Nicht nur das, Beate wird zu einer modernen jungen Frau, die mit ihrer Ausbildung im Labor den Weg in ihr eigenes Leben findet.
Die Familiensage um Suse und Beate nimmt ihren Lauf. Paula Linn erzählt eine mitreißende Geschichte über zwei Menschen, die den Lebensmut trotz schwerer Schicksalsschläge nicht verlieren. Sie erzählt ihre eigene Geschichte. Denn auch Paula Linn flüchtete mit ihrer Mutter aus der DDR nach Lörrach. So ist es kein Wunder, dass der Roman auf jeder einzelnen Seite durch seine Authentizität überzeugt. Die „Auswanderer“ kennen sowohl die Ost- als auch die Westseite der Mauer und erleben die zahlreichen Kontraste am eigenen Leib. Sie müssen sich umgewöhnen, vom Schlange stehen an der Nahrungsausgabe zum Massenkonsumieren. Wie schon der Vorgängerroman „Blaues Halstuch – rote Kreppschuh“ appelliert „Reagenzglas und Petticoat“ auch daran, dass es nötig ist, sein Leben gerade in Krisenzeiten selbst in die Hand zu nehmen.
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